Bahnerlebnis

Man(n) fährt wieder Bahn – oder muss es, so wie ich. Als ehemaliger Bewohner eines infrastrukturell unterentwickelter ländliches Gebietes im Osten von Österreich zog es auch mich aus existenziellen Gründen in die Hauptstadt. Trotz Domizil in der Wiener Vorstadt bleibt mir das tägliche Pendeln mit der Bahn nicht erspart. Bahnfahren ist ja eigentlich relativ unspannend wenn man zwischen nervigen Schülern, mitteilungsfreudigen Senioren und dem anderen arbeitenden Pendlervolk versucht ein gutes Buch zu lesen. Ab und An passiert aber schon mehr oder weniger spannendere Ereignisse.

So heute passiert. Kurz nach Zonengrenzen beginnt der Schaffner, jetzt Zugbegleiter genannt, seine Fahrkartenkontrolle. Vor Jahren wurde über die gesamte Südbahnstrecke eine Fahrkartenpflicht verhängt. Zuwiderhandlungen werden mit saftigen 60€ bestraft. Der Schaffner kommt zu zwei Mädels, die offensichtlich den Aufenthalt in der Hauptstadt zum ausgiebigen Konsumrausch genutzt haben. Beide sind mit Plastiktaschen von Modegeschäften bewaffnet. Anscheinend hatten sie es eilig gehabt den Zug zu erreichen, denn sie hatten keine Fahrkarte. Geschwind den besten Hundeblick aufgesetzt und zum Schaffner: „Können wir bei Ihnen eine Karte kaufen“ – zwinker, zwinker.

Dem Schaffner sieht man kurz an, dass er sich in einem Interessenkonflikt befindet: Gnade vor Recht walten lassen oder der Pflicht nachgehen. Man muss sagen es war ein relativ junger Herr, nicht einer von den pragmatisierten, immer schlecht gelaunten und eine Weinfahne vor sich her tragende Schaffner – die aber auch schon immer weniger werden. Er zückt sein elektronisches Helferlein beginnt die Fahrkarten auszudrucken. Dabei geht seine gesamte Haltung von nasser Sack in Richtung Herkules. Auch auf ein belehrende „Wenn ich eich no amol dawisch…“ verzichtet er.

Zwei Meter weiter sitzt ein Junger Herr in Anzug mit Wirtschaftskammermappe. Er kann auf Nachfrage des Schaffner ebenfalls keinen Fahrschein vorweisen. Ohne viel nachzudenken zückt der Schaffner den Erlagschein für die Strafzahlung. Keine Diskussion ob er einen Fahrschein kaufen wolle. Persönliche Daten werden ausgetauscht und die Strafe widerwillig akzeptiert. Dann kann ich es mir nicht verkneifen und frage den Schaffner warum er in 2 identischen Fällen so unterschiedlich handelte und ob er sich eventuell vom Antlitz der jungen Damen beeinflussen lies. Schweigen, dann „hom sie an Fahrschein?“.

Prollohemden

Eine tolle betrachtungsweise von Stehkragen, Prollohemden und falscher Männlichkeit aus dem Standard:

+++Pro
Von Markus Mittringer

Wozu sonst sollte ein Kragen bei einem Leiberl auch gut sein? Und: Was sollten italienische Männer, die in der Öffentlichkeit stehen, wohl sonst aufstellen, um ihre Allzeitbereitschaft zu demonstrieren? Erst neulich wieder habe ich die Fähre von Palermo nach Alicudi genommen und durfte miterleben, wie sich ganze acht angestellte Lackeln die dreieinhalb Stunden der Überfahrt um nichts anderes kümmerten, als Polokragen, Haargel und schwarze Windkanalsonnenbrillen zu einer unwiderstehlichen Einheit verschmelzen zu lassen. Besondere Betonung fand dieser Kopfputz durch das Grellgelb der „CREW“-Polos. Natürlich kann man als Mann von so einem Seebären keinerlei Hilfe erwarten, aber wer bitte, der ein bisschen Gemächtsbewusstsein hat, lässt sich schon gerne die Koffer tragen oder den Weg zum Klo weisen. Und ganz wichtig: Wer den Polokragen auf Dauererrektion tuned, der nimmt das mit dem Frauen-und-Kinder-zuerst-Retten ganz ernst: Hilft er einer Schönen aus der Seenot, ist das Kind in Gestalt seiner selbst gleich mitgerettet.

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Contra—
Von Karl Fluch

„Steht der Kragen weg vom Polo, gehört es sicher einem Prolo.“ Damit ist eigentlich alles gesagt. Einschränken ließe sich der Detonationsradius dieser Diagnose noch auf „Modeprolo“. Denn so vermeintlich schick, cool oder sonst was das aussehen soll – abstehende Polohemdkrägen sind meist an Typen zu sehen, die wirken, als würden sie im deutschen Privatfernsehen eine Frühabendshow moderieren: Modeirrtumsfrisur, kunstbrauner Teint, irgendwo baumelt ein Keyholderschnürl, und die Garderobe ist nie einfärbig, sondern an den dümmsten Stellen bedruckt.

Prinzipiell ist das Polo ein T-Shirt für Spießer. Für Leute, die den Working-Class-Aspekt der Abstammung dieses Teils zu leugnen suchen, weshalb als Zugeständnis an das distinguierte Hemd oben ein Kragen montiert wurde. Da höhere Söhnchen und Töchter sich aber auch nicht ihre Blusen- oder Hemdkrägen aufstellen, ist es auch beim Polo vermessen. Außer man will unbedingt der Geschmacklosigkeit überführt werden. Dafür reicht aber meist schon die restliche Erscheinung. (Der Standard/rondo/07/09/2007)